Nach der US Wahl: Die Karen in mir

Die US Wahl 2020 war wie ein Autounfall: traumatisches Erleben, schwer weg zu sehen. Am Ende aber bitte nicht vergessen: Trump wählen könnte auch uns mal passieren. Was tun?

Es war leicht zu überlesen zwischen den riesigen Chase Bank Werbetafeln, Stars & Stripes Fahnen und der aufgeregten Menge wartender Demokraten: “The people have chosen empathie” – “Die Menschen haben Empathie gewählt” stand da fast kleinlaut auf den Displays neben der Bühne für Joe Biden und Kamala Harris. Die Botschaft hat trotzdem mehr Wumms als erwartet.

Klar, Empathie kann in nationalen wie internationalen Beziehungen nützlich sein. Aber als Grundpfeiler einer Kampagne, besonders im Gefecht mit dem wohl nachweislich soziopathischsten Präsidenten Donald Trump? Da hätte man statt Einfühlungsvermögen als Aushängeschild vielleicht eher puren Kampfgeist erwartet. Und doch sind Feingefühl, Kommunikation und die Bereitschaft, sich auf den anderen einzulassen statt ihn zu verspotten heute wichtiger denn je.

Das gilt weder nur für den Umgang mit hartgesottenen Trump-Anhängern, noch für eingesessene Verschwörungstheoretiker und natürlich nicht nur für die politischen oder sozialen Systeme in denen wir uns aktuell bewegen, beäugen und bewerten. Das gilt vor allem dann, wenn wir mit massiven Unsicherheiten wie Pandemie, Rezession, dauerhafter Erreichbarkeit im Job und sozialen Medien als Kontrollinstanz für den perfekten Lebensstil umgehen müssen.

Quelle: Youtube

Einfach aber wahr: Wohlwollen ist es gewesen, das die Leute in den USA an die Urne gehen hat lassen. Mitgefühl ist es, das jetzt von Nöten ist, um mit den Menschen wieder Gespräche zu beginnen, die wir als Fanatiker, Rassisten, Impfgegner und alte weiße Männer klassifizieren. Keine Frage, Kritik muss fallen, ändern kann sich aber nur was, wenn wir genug an den Empathie an den Tag legen, uns selbst im anderen zu erkennen.

Die Definition einer amerikanischen Karen, wie sie in den sozialen Medien schon seit 2018 kursiert ähnelt der des deutschen Spießers: kleingeistig, engstirnig, selbstbezogen. Keiner will Karen sein, keiner definiert sich selbst als Spießer. Aber nur wenn wir die Möglichkeit zumindest in Betracht ziehen können, dass auch wir, wie alle Menschen auf dieser Welt, irgendwann selbst mal so drauf waren, uns unnötig beschweren und aus Angst eine unfaire Entscheidung treffen, erst dann kann Kommunikation empathisch werden. Das folgende Mantra regelmäßig zu sich selbst zu sagen, wirkt dabei übrigens Wunder: Die Karen in mir ist die Karen in dir.

Yes, Empathie kann man manifestieren: https://www.youtube.com/watch?v=2K8ZHLgGJDw&t=481s